Die Ausstellung „Underground im Böhmerwald“ gewährt einen Einblick in das Leben hinter dem „Eisernen Vorhang“
18 July 2026
Im Rahmen der Winterberg Woche in Freyung gab es wieder ein umfangreiches Programm für Interessierte in Freyung. Im Rahmen der Veranstaltungen fand kürzlich die Vernissage zur Ausstellung „Underground im Böhmerwald" im Untergeschoss des Kurhauses statt. Die Ausstellung bietet tiefe Einblicke in die Geschichte und das gesellschaftliche Leben der Bürger jenseits des „eisernen Vorhanges" der Tschechoslowakischen Republik, und zeigt die Geschichte der kulturellen Besiedlung des Böhmerwaldes nach dem Zweiten Weltkrieg und die Geschichte der Grenze selbst auf. Initiiert wurde das grenzüberschreitende Projekt vom Verein „Knihy über Grenze". Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von der tschechischen Musikgruppe „Ďäblovi včelaři" den Teufels-Imkern.
Im „Untergrund" heimlich zu Konzerten gegangen
Nach den Themen in den ersten beiden Jahren, wie „fingierte Grenze" sowie „Karel Klostermann und die Geburt des Böhmerwaldes" und den verschiedenen Kunstausstellungen widmet sich dieser Part der Winterberg Woche den Entwicklungen im Böhmerwald nach der Abschottung der Tschechoslowakischen Republik vom Westen. Es gibt tiefe Einblicke in das Leben der Jugend in den 70er, 80er und 90er Jahre, unter dem Motto „Wie haben die Menschen ihre Jugend verbracht".
Martin Sichinger hat gemeinsam mit Velarium Verlag und Projektpartner Klaus Ditté und weiteren engagierten Personen viele Eindrücke und Fakten zusammengetragen und das Projekt „Underground im Böhmerwald" verwirklicht.
Sichinger bot im Rahmen der Vernissage einen kurzen Überblick: Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg blieb im Böhmerwald eine kulturell entleerte, traumatisierte Landschaft zurück. Das tschechoslowakische Regime versuchte eine eigene Kultur im Grenzgebiet zu etablieren und damit die Region „aufLinie" zu bringen. Im Untergrund, daher der Name der Ausstellung „Underground", formierte sich dagegen in den 1970er und 1980er Jahren eine völlig unkonventionelle Subkultur. „Am Ende der Welt" wurden einst deutsch besiedelte Orte zum Zufluchtsort für Freigeister, unangepasste Künstler und illegale Bands, die abseits der kommunistischen Zensur nach Freiheit strebten.
Die nicht-öffentliche Szene von Künstlern, Musikern und Schriftstellern, die nicht staatlich kontrolliert wurde entstand als Reaktion auf die kommunistische Zensur und die Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Die Menschen trafen sich heimlich, veranstalteten illegale Konzerte und veröffentlichten verbotene Texte. Nicht selten wurden Konzerte aus fingierten Gründen zum Teil brutal aufgelöst. Unter anderem formierte sich bereits 1987 die Band Vrozená vada, was wörtlich übersetzt so viel wie „Geburtsfehler" heißt.
Ein Teil der Ausstellung umfasst auch die technologische Entwicklung des Eigenverlags, sowie nostalgisches Equipment zur Erstellung und Vervielfältigung von Texten, wie eine Triumph Schreibmaschine (anno 1928) und historische Vervielfältigungsgeräte, deren Gebrauch genauestens kontrolliert wurde.
Nicht zuletzt geht es auch um das gesellschaftliche Leben. „Auf ein Bier" zu gehen, um sich auszutauschen war auch in der neuen Tschechoslowakischen Republik üblich, allerdings galt es, Vorsicht walten zu lassen, allzu deutlich und laut gegen das Regime zu wettern war gefährlich, denn am Nachbartisch konnte ein Spion bzw. Zuträger sitzen.
Wer gegen das Regime war, lebte gefährlich
Zu den „trinkbaren" lokalen Eigenheiten gehört nach wie vor ein völlig einzigartiges Gebräu: das
„Böhmerwald-Kräuterelixier", das in Winterberg nach dem Original-rezept des Apothekers Budínský hergestellt wurde. Es kostete zu Zeiten des Sozialismus nur 14 Kronen, also etwa eine deutsche Mark.
Das Getränk, das aus 22 Kräutern zusammengemischt wurde, war in so gut wie allen tschechoslowakischen Drogerien erhältlich, da es das ätherische Beifuß-Öl Thujon enthielt und den Rufhatte, das einzige legale, leicht halluzinogene Mittel auf dem tschechoslowakischen Markt zu sein.
Im Rahmen der Vernissage „Underground im Böhmerwald" gab es natürlich Gelegenheit das Böhmerwald-Kräuterelixier, das geradezu Kultcharakter besitzt, zu verkosten.
Die Besucher nutzen im Anschluss an den offiziellen Teil ausgiebig die Gelegenheit, sich über die Zeitspanne voll Spannungen jenseits der Grenze zu informieren und die Ďäblovi včelaři (Teufelsimker) verstanden es, der Vernissage durch ihre außergewöhnliche Musik ganz besondere Akzente zu setzen.
Die Winterberg Woche in Freyung fand ihren gelungenen Abschluss mit einer Führung in der Landesausstellung, der Vorstellung der Werkstatt des Gitarrenbauers Libor Pražan sowie zwei musikalischen Beiträgen. Milada Bejčková und ihre Tochter spielten auf am Kirchplatz mit dem Dudelsack auf. Mit vielen schönen Eindrücken kehrten die Gäste in die Partnerstadt Winterberg zurück
Sowohl die Ausstellung im Kurhaus als auch in der Sparkasse sind bis Ende Juli täglich werktags zu den Offnungszeiten zu besichtigen.
Margit Poxleitner
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